Erwin Hymer Group North America unter Insolvenzverwaltung

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Erwin Hymer Group North America unter Insolvenzverwaltung

Februar 18, 2019 - 07:30
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Mehrere hundert Beschäftigte der Erwin Hymer Group North America haben in Kanada ihre Arbeitsplätze verloren. Das Unternehmen hüllt sich in Schweigen.

Bei der Erwin Hymer Group North America haben sich die Werkstore in Kitchener und Cambridge geschlossen. Bereits während des beabsichtigten Verkaufs an Thor Industries wurden finanzielle Ungereimtheiten festgestellt. Thor schloss daraufhin Erwin Hymer Group North America mit der Kernmarke Roadtrek von der Übernahme aus. Bereits Anfang Januar 2019 verloren rund 100 Mitarbeiter ihren Job. In einem Carve-Out übernahm am 31. Januar das US Unternehmen Corner Flag LLC Eigentumsanteile der Gruppe.

Laut Corner Flag hatte die Erwin Hymer North America nach dem Thor-Deal weiterhin eine Liquiditätslücke, und soll nicht in der Lage gewesen sein, Lohn- und Gehaltszahlungen, Renten, Leistungen und andere finanzielle Verpflichtungen zu erfüllen. Corner Flag soll Erwin Hymer North America am 14. Februar mehr als fünf Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt haben, um diesen unmittelbaren finanziellen Druck zu befriedigen. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter Gehälter und Urlaubsgeld erhalten sollten, die bis zum Freitag aufgelaufen sind.

Am vergangenen Freitag beantragte Corner Flag LLC vor der Wirtschaftskammer des Ontario Supreme Court in Toronto die Einsetzung des Finanzdienstleisters Alvarez & Marsal Canada Inc. als Insolvenzverwalter. Das weltweit tätige Unternehmen ist bekannt für die Unterstützung bei Umstrukturierungen sowie dem Turnaround-Management von Unternehmen. Neben vielen Dependancen in diversen Ländern unterhält A&M auch eine Niederlassung in Deutschland. Laut den bei Gericht eingereichten Unterlagen sollen die Verbindlichkeiten bei rund 300 Millionen Kanadischer Dollar liegen, was etwas 200 Millionen Euro entspricht.
Im ersten Schritt wurde der gesamten Belegschaft fristlos gekündigt und das kurz bevor die Mitarbeiter in das lange „Family-Day-Wochenende“ fuhren. Die Beschäftigten hätten, so heißt es in den Medienberichten, auf die Mitteilung ihrer Entlassung sehr emotional reagiert. Viele seien wütend gewesen, andere hätten geweint. Einige Mitarbeiter seien bei Roadtrek bereits seit 30, 40 Jahren mit dem Bau von Freizeitmobilen beschäftigt gewesen. Nur weniger Arbeitnehmer sollen im Unternehmen verbleiben und sicherstellen, dass die restlichen Beschäftigten ihre Gehaltsschecks bekommen. Insgesamt sollen rund 850 Mitarbeiter betroffen sein. Bereits kurz danach waren die Webseiten und Präsenzen in den sozialen Medien nicht mehr erreichbar.

Berry Vrbanovic, Bürgermeister von Kitchener, und die Bürgermeisterin von Cambridge, Kathryn McGarry, sagten den betroffenen Arbeitern und ihren Familien Unterstützung zu. Beide haben bereits mit dem zuständigen Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Arbeit und Handel der Provinz Ontario gesprochen, um mit Unterstützung der Behörden den Betroffenen bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz zu helfen. Arbeitsvermittler sollen in der kommenden Woche entsandt werden. In einer per E-Mail verschickten Mitteilung habe McGarry erklärt, es gebe vom Unternehmen selbst noch keine offizielle öffentliche Stellungnahme.

Die Wurzeln des Freizeitmobil-Herstellers Roadtrek reichen zurück bis ins Jahr 1974. Ein Jahr später kaufte einer der ersten Kunden, Jac Hanemaayer, das Unternehmen und die Marke Roadtrek. Jeff Hanemaayer führte danach das Unternehmen, das im Jahre 2011 von der amerikanischen Kapitalanlagegesellschaft Industrial Opportunity Partners gekauft wurde. Vor rund drei Jahren erwarb dann die Erwin Hymer Group das Unternehmen Roadtrek, seinerzeit waren am Standort in Kitchener rund 300 Mitarbeiter beschäftigt. Die deutsche Muttergesellschaft sah im Kauf eine Chance für den Einstieg in den nordamerikanischen Reisemobil-Markt. Dazu sollte der Marktanteil von Roadtrek im Reisemobil-Segment genutzt werden. Die Erwin Hymer Group versprach sich vom Einstieg bei Roadtrek die Einführung europäischer Baustile und Konstruktionen auf dem US-amerikanischen Markt. Die deutschen Eigentümer kauften das Unternehmen im Jahre 2016 und ließen dort Freizeitfahrzeuge produzieren.